Anstalten des Justizvollzugs verbindet man im ersten Moment nicht unbedingt mit der Sozialen Arbeit. In der Presse wird über verschiedenste Themen von der Kuscheljustiz bis zur Menschenrechtslage, von Ausbrüchen und Protesten von Eingewiesenen berichtet.

Anstalten des Justizvollzugs verbindet man im ersten Moment nicht unbedingt mit der Sozialen Arbeit. In der Presse wird über verschiedenste Themen von der Kuscheljustiz bis zur Menschenrechtslage, von Ausbrüchen und Protesten von Eingewiesenen berichtet. Von Sozialarbeitenden liest man wenig. Dabei übernehmen Professionelle der Sozialen Arbeit wichtige Aufgaben im Bereich der Alltagsbewältigung, der Resozialisierung wie auch der Beurteilung von Eingewiesenen. Gefängnisse stellen jedoch einen Arbeitskontext dar, der die Profession vor verschiedene Herausforderungen stellt.

Vor diesem Hintergrund haben sich zwei Forscherinnen der HSA, Marina Richter und Julia Emprechtinger, mit der Frage befasst, welche Herausforderungen sich Professionellen der Sozialen Arbeit in Anstalten des Justizvollzugs in der Schweiz stellen. Dafür haben sie in einem explorativen Projekt Sozialarbeitende in zwei Justizvollzugsanstalten der Deutschschweiz während ihres Arbeitsalltags begleitet. Diese Beobachtungen wurden durch Interviews mit den Sozialarbeitenden ergänzt. Die beiden Forscherinnen konnten Einblick in die Art und Weise gewinnen, wie die gefängnisinternen Sozialdienste organisiert sind, welche Aufträge sie zu erfüllen haben und auf welche theoretischen und methodischen Referenzen sie sich beziehen.

Wer schon einmal, sei es beruflich oder als Besucher*in in einer Anstalt des Justizvollzugs war, kennt die eindrücklichen Kontrollprozeduren. Man wird nicht nur «durchleuchtet», sondern muss die meisten persönlichen Gegenstände in einem Spind im Eingangsbereich zurücklassen. Wenn man eine Anstalt betritt und sich hinein begibt in diesen überwachten Raum, lässt man die Aussenwelt hinter sich und spürt es deutlich: man begibt sich in einen anderen Raum, der geprägt ist von einer eigenen Logik. In diesem speziellen Setting kristallisieren sich einige Herausforderungen für die Soziale Arbeit als Profession heraus, welche im Folgenden skizziert werden. Sie beziehen sich zum Teil auf die Eigenheiten dieses besonderen und anderen Raums (in Anlehnung an den Begriff der Heterotopie von Foucault), zum Teil aber auch auf Einflüsse und Entwicklungen gesamtgesellschaftlicher Fragen.

Eine Eigenheit des Raumes ist der Zwang. Eingewiesene sind, wie es der Name schon sagt, nicht aus freien Stücken im Gefängnis, sondern weil sie durch einen richterlichen Beschluss eine Strafe mit Freiheitsentzug zu verbüssen haben. Nicht nur der Aufenthalt an sich, sondern auch die Zwangsgemeinschaft der Eingewiesenen oder die Regeln der Institution sowie die damit verbundenen Kontrollen bestimmen den Alltag. Für die Soziale Arbeit erhält der bekannte Dualismus von Hilfe und Kontrolle in diesem Kontext eine deutliche Zuspitzung. Einerseits unterstützen Professionelle der Sozialen Arbeit die Eingewiesenen in Alltagsfragen, haben ein offenes Ohr für ihre Anliegen und helfen bspw. Ziele im Bereich der Resozialisierung zu erreichen. Andererseits sind sie aber auch Teil der Kontrolle, sie halten das Verhalten der Eingewiesenen in Berichten fest und geben Empfehlungen für Urlaube, Vollzugslockerungen oder vorzeitige Entlassung.

An diesen Arbeitsraum werden aber auch von aussen Anforderungen herangetragen. So hat sich im Zuge der letzten Jahre eine – weltweit zu beobachtende – Risikoorientierung im Justizvollzug durchgesetzt, welche in der Deutschschweiz mit dem Konzept ROS (Risikoorientierter Sanktionenvollzug) und in der Romandie mit dem Konzept der Désistance umgesetzt wird. Dies bedeutet, dass Eingewiesene in Bezug auf ihre Risiken, sprich die mögliche Wiederholung einer Tat und die Schwere dieser Tat beurteilt werden. Ein hohes Risiko bedeutet für den jeweiligen Eingewiesenen demnach, dass ihm eine höhere Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird nach der Entlassung eine schwere Tat wieder zu begehen. Auf diese Personen konzentriert sich dann die resozialisierende Arbeit der Professionellen und fokussiert dabei vor allem auf die Defizite der Person.

Diese von der forensischen Psychologie geprägte Risikoorientierung ist systemleitend geworden und strukturiert damit den Vollzug. Hat sich die Psychologie bis anhin vorwiegend für die therapeutische Behandlung der Eingewiesenen ausgezeichnet, so erhält sie mit der Hinwendung zum Risikoorientierten Vollzug eine neue Bedeutung. Die Risikoanalyse der Eingewiesenen wird aus der Sicht der forensischen Psychologie erstellt und strukturiert die Arbeit der Sozialarbeitenden mit den Gefangenen durch konkrete Anweisungen für risikominimierende Interventionen. Solche Interventionen können beispielsweise eine Aufarbeitung von Risikosituationen wie der Kontakt zu pro-kriminellen Peer-Gruppen beinhalten. Dies geschieht in regelmässigen Sitzungen der Sozialarbeitenden mit den Eingewiesenen in denen Risikosituationen analysiert und mögliche Strategien zur Vermeidung erarbeitet werden. Eine andere Möglichkeit ist die Biographiearbeit in der die Biographie der Eingewiesenen im Hinblick auf das Delikt und auf Risikoaspekte hin gemeinsam aufgearbeitet und reflektiert wird.

Für die Soziale Arbeit bedeutend ist, dass die Risiken nicht nur bearbeitet werden, sondern, dass diese Bearbeitung auch kontrolliert wird und als Anhaltspunkt für Lockerungen dient. Neben der direkten Arbeit mit den Eingewiesenen verbringen die Professionellen der Sozialen Arbeit demnach viel Zeit mit der Dokumentation des Fortschritts. Geht es darum, ob ein Eingewiesener Urlaub beziehen darf oder ob er vom geschlossenen in den offenen Vollzug wechseln darf, ist der Stand der persönlichen Entwicklung und damit der Stand der Bearbeitung dieser Risiken ausschlaggebend für die weitere Planung. Sozialarbeitende verbringen dadurch nicht nur viel Zeit mit dem Verfassen von Berichten, sie konzentrieren sich immer mehr auf ein Management von Risiken. Eine derartige Verschiebung des Auftrags der Sozialen Arbeit bringt Herausforderungen und die Notwendigkeit einer vertieften Reflexion mit sich.

 

Publikationen zum Forschungsprojekt:

Emprechtinger, Julia & Marina Richter. Submitted. Reflections on social work in prisons. European Journal of Social Work.

Richter, Marina & Julia Emprechtinger. In press. Social work in confinement: The spatiality of social work in carceral settings. Geographica Helvetica.

 

Julia Emprechtinger, Leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin FH und Marina Richter, Professorin FH